Selbstfürsorge: 7 Perspektiven, die oft untergehen

Selbstfürsorge: 7 Perspektiven, die oft untergehen

Vermutlich hast du schon einiges ausprobiert, um mehr Selbstfürsorge in deinen Alltag zu bringen: ein Dankbarkeits-Journal, den Wellness-Termin am Wochenende, eine Meditations-App, vielleicht auch bewusst mal „Nein“ gesagt. Und wahrscheinlich hast du dich auch schon gefragt, warum sich das alles irgendwie richtig und falsch zugleich anfühlt – warum du dich danach zwar kurz erholt fühlst, das aber insgesamt nicht viel verändert. Und wann hast du das letzte Mal etwas nur für dich getan – und dich dabei wirklich gut gefühlt, statt insgeheim schuldig?

Das geht nicht nur dir so und vielleicht bist du das Thema Selbstfürsorge und “Me-Time” schon ein bisschen leid (und rollst, wie ich, innerlich mit den Augen, wenn du darauf stößt; dann bitte kurz Geduld, das hier wird was anderes). Im Internet und in den sozialen Medien kursieren unzählige Vorstellungen davon, was Selbstfürsorge sein soll – von Badewannen-Ritualen, über Journaling, hin zu “Matcha-Zeremonien”. Das ist nicht grundsätzlich falsch, richtet aber den Blick vor allem auf kurzfristige Symptom-Bekämpfungs-Maßnahmen. Was dabei oft fehlt ist, warum Selbstfürsorge in der Praxis so viel komplizierter ist, als die meisten Produkte und Ratschläge es dir versprechen – und was du realistischerweise bei diesem Thema erwarten kannst.

Genau das schauen wir uns in diesem Artikel gemeinsam an: sieben Perspektiven auf Selbstfürsorge, über die zu selten gesprochen wird, damit du weniger mit dir hadern und vielleicht besser verstehst, mehr verstehen willst, was hinter deiner Erschöpfung wirklich steckt. Und warum „einfach mehr Selbstfürsorge machen“ oft nicht das Ergebnis bringt, dass du dir eigentlich erhoffst (nämlich mehr Energie, Erholung, Leichtigkeit und Freude).

1. Produkte und Tools sind keine echte Selbstfürsorge – und machen aus deiner Erschöpfung ein Geschäft

Gegen die in der Einleitung genannten Dinge ist nichts grundsätzlich einzuwenden (die App, das Tagebuch, der Maniküre-Termin), aber hast du dich schonmal gefragt, ob DU diese Dinge wirklich brauchst? Was zehrt an dir und deiner Energie? Und was kann dazu einen Ausgleich schaffen? Was gibt dir Kraft in und für deinen Alltag? Wenn das gemachte Nägel sind und du in dieser Zeit wirklich abschalten und entspannen kannst – dann go for it. Oder machst du es vielleicht, weil du dir damit “etwas gönnst”, und das dann ja helfen sollte? Oder weil du glaubst du solltest gemachte Nägel haben, um einer bestimmten Vorstellung zu entsprechen (wessen)? Gibt es hier vielleicht Erwartungshaltungen (von dir oder von anderen)? Von Frauen und Müttern wird ja generell viel erwartet, in verschiedensten Hinsichten – und viele von ihnen sind erschöpft und dauerhaft gestresst. Auf der Suche nach Entlastung, Entspannung und Regeneration sind wir daher zu einer dankbaren Zielgruppe in einem riesigen Markt geworden. Denn Produkte und Dienstleistungen zu konsumieren scheint oftmals der einfachste und gangbarste Weg – er ist nur für die meisten Menschen nicht besonders nachhaltig. Die Verführungen sind ziemlich endlos da draußen und immer wieder finden sich neue Marketingansätze, die uns die wirklich ersehnten (und benötigten) Veränderungen für mehr Wohlbefinden versprechen. Jede von uns ist auf das ein oder andere Ding wahrscheinlich schon mal reingefallen und hat gehofft hier endlich das zu finden, was ihr wirklich hilft. Wenn wir uns aber nicht immer wieder grundsätzlicher mit unseren Bedürfnissen, Umständen und Wünschen auseinander setzen, kann es schnell passieren (und das gern auch immer wieder), das wir an unserem eigentlichen Bedarf vorbei konsumieren bzw. Konsum überhaupt nicht Teil der Lösung ist. Und dann wundern wir uns (oder nicht, weil wir es eigentlich eh schon besser wussten?), warum es uns trotz [hier shiny Ding einsetzen] nicht wirklich besser geht, wir uns auch nicht entspannter fühlen oder weniger Stress haben (Bücher und Kurse zu Zeitmanagement, Kalender usw. kommen oft mit ähnlichen Problemen daher, dazu an anderer Stelle vielleicht mal mehr). Für nachhaltig mehr Wohlergehen und einen Alltag, den man gerne lebt, ist es hilfreich mit der Reflektion und Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse zu beginnen und daraus gezielt Veränderungen abzuleiten – dazu können dann Produkte oder Dienstleistungen gehören (zum regelmäßigen Massagetermin werden die wenigsten nein sagen). Aber voraus sollte die Entwicklung einer angemessenen Selbstwahrnehmung gehen und ein Blick auf die Umstände und Strukturen unter denen man lebt, denn oft genug habe ich erlebt, dass auch hier viele Ansatzpunkte für ein besseres Leben zu finden sind.

2. Selbstfürsorge ist nicht nur ein Mittel, um besser für andere da sein zu können

Die meisten von uns wissen, dass es wichtig ist, sich ausreichend um sich selbst zu kümmern: eine Zeit lang war kaum irgendwo an Sprüchen, wie “Du musst dir die Atemmaske zuerst aufsetzen, um dann für deine Kinder da sein zu können” oder “Aus einem leeren Krug kann man nicht schöpfen” vorbei zu kommen. Und ja, das ist korrekt: Viel zu lang haben sich Mütter mehr oder weniger unhinterfragt und zu oft bis zur Erschöpfung aufgeopfert für die Familie und ihre Kinder – und es ist gut, das hier ein gesellschaftlicher Wandel zu erkennen ist. Aber es gibt eine Sache, die mich an diesem “Narrativ” stört: Es knüpft das Recht (die Pflicht?) auf Selbstfürsorge an Funktionalität – indem gesagt wird, Selbstfürsorge ist ok (und hat vielleicht sogar den konkreten Zweck), weil nur dann kannst du dich “gut” um andere kümmern und eine “gute Mutter” sein. Und was ist, wenn mein selbstfürsorgliches Handeln mich nicht zur “besseren Mutter” macht? Was, wenn ich manche Dinge tue, einfach nur, weil sie mir wichtig sind, weil es mir Spaß macht? Vielleicht ist es dafür sogar nötig, weniger Zeit / Energie / Ressourcen in meine Familie zu investieren? Ist das dann noch gesellschaftliche “erlaubte” Selbstfürsorge? Oder haben wir dann eine “Rabenmutter” vor uns? (Das alles lässt sich kaum mit weniger Anführungszeichen formulieren.) Ich finde, jeder und jede hat ein Eigenrecht auf Selbstfürsorge und Wohlbefinden – unabhängig von Rollen und Funktionalitäten. Einem Menschen ohne Kinder würde man das wohl eh nie absprechen, das kennen nur Mütter (und vielleicht auch ein paar Väter). Und klar ist es häufig so, dass Selbstfürsorge mir ermöglicht, häufiger und mehr der Mensch zu sein, der ich auch sein möchte und das natürlich auch in Bezug auf meine Kinder. Auf mich und meine Bedürfnisse zu achten schenkt mir ja Energie und Ressourcen für andere Lebensbereiche und Aufgaben. Aber das eine (Selbstfürsorge) mit dem anderen (Funktionalität als Mutter) so zu verknüpfen, finde ich höchst problematisch: Selbstfürsorgliches Handeln ist dann nicht mehr Selbstzweck, sondern mit einem konkreten Anspruch verbunden – und wird der nicht erfüllt (nämlich die “bessere” Mutter zu sein), verliert die Handlung dann ihre Daseinsberechtigung? Hab ich meine Zeit dann “verschwendet”? Natürlich nicht. Selbstfürsorge sollte sich danach richten, was meinem persönlichen Wohlergehen und Wohlbefinden dient, unabhängig davon, welche positiven Effekte das auf andere hat. Das mag für manche nach einer spitzfindigen Unterscheidung aussehen, weil wie schon gesagt, in der Praxis Selbstfürsorge mir erlaubt, mehr die Mutter zu sein, die ich sein möchte. Aber ich glaube, dass diese Verknüpfung von Selbstfürsorge und Funktionalität gewissermaßen durch die Hintertür auch ein System erhält, dass auf die Aufopferung von Müttern baut und diesen nur insoweit Zugeständnisse hinsichtlich persönlicher Bedürfnisse (als Mensch) macht, wie sie dem Erhalt des Status Quo dienen.

3. Selbstfürsorge hängt an strukturellen Grenzen, Ressourcen und Privilegien – und ist immer auch ein Abwägungsprozess

Ein weiterer oft wenig bis gar nicht erwähnter Aspekt ist, dass Ressourcen und Privilegien (insbesondere Geld und Unterstützungsnetzwerke) faktisch großen Einfluss auf Handlungsmöglichkeiten haben: Wer Großeltern in der Nähe hat, die die Kinder gern mal betreuen (und zwar so, dass man selbst dabei auch ein gutes Gefühl hat) oder das Geld in einen guten Babysitter investieren kann, ist klar im Vorteil. Und dazu kommt dann noch eine strukturelle Dimension, denn in einem System, in dem Fürsorgeaufgaben (Carearbeit) ungleich verteilt sind, haben Frauen oft wenig Spielraum für selbstfürsorgliches Verhalten. Normen und Erwartungshaltungen (deine und die anderer) spielen dabei dann auch noch eine große Rolle – neben dem resultierenden, faktischen Zeit- und Energiemangel, der auch strukturell bedingt ist. Diejenigen, die besonders gut auf sich achten sollten (weil sie Verantwortung für andere und deren Wohlergehen in besonderem Maße tragen und die Grundlagen für jede Gesellschaft bereitstellen und erhalten), finden eher ungünstige Voraussetzungen und Bedingungen vor: Sozialisation und „Mutterideale“, Strukturen, die Care-Arbeit als selbstverständlich betrachten, mehr Mental und Emotional Load und vieles mehr. Manches lässt sich individuell verändern, vieles aber auch nicht (oder nur mit sehr hohen Kosten). In schwierigen Situationen kann es hilfreich sein, sich das ehrlich einzugestehen: Manchmal gibt es keine „guten“ Lösungen, sondern nur ein Abwägen und Verteilen von Zumutungen und Lasten. Das kann z.B. in Situationen der Fall sein, wo der Wunsch nach beruflicher Verwirklichung auf eine nur semi-gute Kinderbetreuung trifft – wer z.B. mehr Geld bräuchte und dafür mehr arbeiten könnte, kann das vielleicht nur um den Preis einer verlängerten Fremdbetreuung tun, von der man weiß, dass sie für das eigene Kind nicht unbedingt ideal ist. In solchen und vielen weiteren Fällen werden wir keine „perfekte“ Lösung für alle Beteiligten finden, sondern uns überlegen müssen, wem was in der aktuellen Situation zugemutet werden kann. Und dann gibt es Konstellationen oder Umstände – besonders häufig bei Themen wie Pflegebedürftigkeit, Krankheit, Alleinerziehend sein und Neurodiversität – bei denen es (zeitweise) keine guten Lösungen gibt oder viel verteilt oder abgewogen werden könnte. Da müssen Eltern (bis an den Rand der Selbstaufgabe) zurückstecken und alles, was sie können, in ihre Funktionalität investieren – weil für mehr wirklich kein Raum ist. 
Wenn Selbstfürsorge als v.a. individuelles Thema behandelt wird (ob nun im Marketing und Verkauf oder auch im Bereich von Coaching und Beratung), wird damit also ein wesentlicher Teil der Wahrheit oft einfach unerwähnt gelassen und bürdet Frauen damit im schlechtesten Fall auch noch zu Unrecht zusätzliche individuelle Verantwortung auf.

4. Schuld und Scham als strukturelle Begleiter

Der vorige Punkt leitet direkt auf dieses schwierige Thema über: Dass uns Selbstfürsorge schwer fällt, liegt nicht nur an Zeit- oder Ressourcenmangel – es hängt auch mit erlernten Schuldgefühlen zusammen, und das gilt besonders für Mütter. Du glaubst, du „darfst“ dich erst um dich kümmern, wenn deine Kinder maximal gut versorgt sind, der Haushalt tiptop und du genug Sport gemacht oder dich ausreichend um dein Äußeres gekümmert hast. Ist das nicht der Fall (und das ist es ja ehrlicherweise gefühlt fast nie), traust du dich nicht, das zu tun, was dir jetzt eigentlich gut tun würde – weil dich sonst Schuldgefühle plagen oder du dich unzulänglich fühlst. Vielleicht kommt Scham hinzu: die Angst, dass jemand mitbekommt, dass du etwas für dich tust, obwohl noch so viel anderes zu erledigen wäre. Wichtig ist hierbei erstens zu verstehen, dass Schuld und Scham eng zusammenhängen und oft gemeinsam auftreten, aber nicht dasselbe sind. Und zweitens, dass sie nicht nur individuell sind, sondern auch strukturell und systemisch verankert: durch erlernte gesellschaftliche Erwartungshaltungen, Rollenbilder und -normen oder auch wie Partner- und Elternschaft gelebt werden. Schuld bezieht sich auf unser Handeln („Ich habe etwas falsch gemacht“), Scham dagegen greift eher direkt unseren Kern an („Ich bin falsch oder nicht gut genug“). Beide haben handfeste Auswirkungen: Schuldgefühle können uns in ein Hamsterrad aus noch mehr Leistung treiben, um den (vermeintlichen) Fehler „wiedergutzumachen“. Scham lässt uns eher verstummen und zurückziehen, statt uns Unterstützung zu holen. Auf diese Weise kann Scham dazu führen, dass Probleme individuell erscheinen, obwohl sie verbreitet und strukturell bedingt sind (weil wenig oder gar nicht darüber gesprochen wird) – und genau darin kann dann eine stabilisierende Wirkung für bestehende Verhältnisse liegen.

5. Selbstfürsorge kann unangenehm sein

Zu oft wird Selbstfürsorge als „Wohlfühlprogramm“ und angenehmes Extra nach einem langen Tag dargestellt. Dabei ist es vielmehr so, dass das, was uns langfristig zu Wohlbefinden und innerer Stabilität verhilft, jetzt und heute durchaus unangenehm oder erstmal fordernd sein kann: Grenzen setzen, Dinge ablehnen, unbequeme Entscheidungen treffen – das ist ebenfalls alles gelebte Selbstfürsorge, auch wenn es sich im Moment oft gar nicht gut anfühlt. Zum Beispiel, wenn man damit beginnt, ein anderes Verhalten als bisher an den Tag zu legen und sein Umfeld damit vielleicht erstmal irritiert. Eigene Grenzen zu finden und zu halten, kann sehr herausfordernd und ein langer Lernprozess sein: Weil man mit sich selbst „kämpft“ (rational weiß man, das man das jetzt „darf“, aber es fühlt sich schnell falsch an und man möchte zurückrudern / doch nachgeben) UND man die Erwartungen des Umfelds nicht (mehr) erfüllt, was (hoffentlich nur vorübergehend) zu Unverständnis und Ablehnung führen kann. Auch muss man manchmal unangenehme Entscheidungen treffen: Zum Beispiel, wenn man erkennt, dass man eben nicht “auf allen Hochzeiten tanzen” kann, auch wenn man zu gerne würde. Wenn man oft Stress hat, erschöpft ist und an mehreren Fronten voll da sein will, dann muss man sich manchmal (zeitweise) gegen Dinge entscheiden bzw. sich fokussieren und klare Prioritäten setzen – auch wenn es schmerzt und herausfordernd ist.

6. Selbstfürsorge ist nicht immer sofort spürbar

Manche selbstfürsorglichen Entscheidungen und Handlungen zeigen ihre Wirkung erst mit Verzögerung – oder fühlen sich kurzzeitig sogar schlechter an. Das knüpft an Punkt 5 an, aber ich möchte hier einen wichtigen eigenständigen Aspekt noch ergänzen: den Unterschied zwischen kurzfristigem Wohlbefinden und langfristigem Wohlergehen. Wir wissen das eigentlich, am offensichtlichsten ist es bei den Themen Sport und Bewegung. Das ist am Anfang (je nach eigenem Ausgangszustand) vor allem anstrengend, ungewohnt, verursacht am nächsten Tag Muskelkater und ist damit weder bei der Ausführung noch danach erstmal besonders erstrebenswert. Wenn wir aber dabei bleiben, wird es mit der Zeit leichter, die Anstrengung wird (zumindest in mancher Hinsicht) geringer, weil wir Bewegungsabläufe besser kennen usw. und wir vor allem von den langfristigen positiven Auswirkungen irgendwann auch profitieren. Dieser Mechanismus trifft auch oft auf Verhaltensänderungen in anderen Bereichen zu. Selbstfürsorgliche Handlungen hauptsächlich auf das aktuelle Wohlbefinden auszurichten, kann die Basis unserer inneren Stärke mit der Zeit aushöhlen, so dass in herausfordernden Zeiten oder Situationen dann wenig nachhaltige Widerstandskraft da ist und wir mehr aus der Bahn geworfen werden. Selbstfürsorge für ein langfristiges Wohlergehen ist ein Marathon, kein Sprint. Das kennen wir alle aus bestimmten Bereichen – wir sollten uns das aber auch für die Dinge, die zu Selbstfürsorge gehören, bewusst machen. Manche Investitionen zahlen sich erst in der Zukunft aus und dran zu bleiben bzw. es auch gegen (innere oder äußere) Widerstände zu tun, kann echte Fürsorge für sich selbst bedeuten. Hinzu kommt: neues Denken und Verhalten müssen, wie beim Sport auch, eingeübt werden, dann wird es mit der Zeit einfacher und irgendwann selbstverständlich(er). Hier ist es hilfreich, seine eigene Fähigkeiten in Emotionsregulation auszubauen, denn das ist meiner Erfahrung nach für viele Menschen eins der Haupthindernisse – mit unangenehmen Gefühlen (Unlust, Angst usw.) so umgehen zu können, dass man trotzdem tut, was man aus guten Gründen eigentlich schon entschieden hatte, tun zu wollen.

7. Selbstfürsorge erfordert fortlaufende Reflexion

Was heute stimmt, muss vielleicht schon morgen neu geprüft werden – weil sich Kontexte, Bedürfnisse und Prioritäten verändern. Das ist kein Mangel (wenn auch manchmal anstrengend), sondern ein Teil des Wesens von Selbstfürsorge: Weder die Haltung – also das, was du als gut für dich erkennst – noch die konkreten Handlungen, in denen sich diese Haltung zeigt, bleiben immer dieselben. Du veränderst dich, insbesondere kann sich zwischen 35 und 45 Jahren deine hormonelle Situation – und damit vor allem Stressverarbeitung, Reizbarkeit und Schlaf, umstellen. Und auch die Strukturen und Rahmenbedingungen, unter denen wir leben verändern sich: Schulkinder zu haben bringt andere Anforderungen mit sich als der Kindergarten, genauso trifft das auf deine  berufliche Situation (oder die deiner Partnerperson) zu – und was vor einem Jahr / drei Monaten / letzte Woche für dich gepasst hat, muss heute nicht (mehr) stimmen. Außerdem werden deine Kinder älter und damit verändern sich immer wieder auch deren Bedürfnisse, Ansprüche und welche Zumutungen wie verteilt werden können. Genau das immer wieder in den Blick zu nehmen und zu reflektieren, was du für dein Wohlergehen brauchst, was dir Freude macht und was dir wirklich wichtig ist und das alles dann auch in entsprechende Entscheidungen zu übersetzen und danach zu handeln: das ist für mich der Kern von Selbstfürsorge. Klarheit finden, Entscheidungen treffen und diesen Weg dann auch gehen – immer wieder.

Und jetzt? Ein Fazit

Erinnerst du dich an die Frage vom Anfang – wann du das letzte Mal etwas nur für dich getan hast, ohne dich dabei insgeheim schuldig zu fühlen? Die obigen sieben Perspektiven helfen dir hoffentlich zu verstehen, warum Selbstfürsorge ein so komplexes Thema ist und Life-Hacks oder Wohlfühlprodukte viel zu kurz greifen: strukturelle Grenzen, Schuld und Scham, der Unterschied zwischen kurzfristigem Wohlfühlen und langfristigem Wohlergehen – um nur nochmal einige zu nennen.

Durch alle sieben Punkte zieht sich die Erkenntnis, dass Haltung und Handlung gemeinsam notwendig sind – keines ist für sich allein ausreichend. Eine selbstfürsorgliche Haltung ohne entsprechende Handlungen bleibt wirkungslos. Und Handlungen ohne reflektierte innere Haltung sind keine Formen von Selbstfürsorge, die nachhaltig Wohlergehen und innere Stabilität fördern. Die Brücke dazwischen ist Reflexion: Erst wenn du deine eigenen Bedürfnisse wirklich wahrnimmst und ernst nimmst, kannst du zu Handlungen finden, die für dich stimmig sind – und was stimmig ist, darf sich je nach Situation verändern (”Sport machen” oder “Sport auch mal lassen” kann beides selbstfürsorglich sein, je nach Kontext).
Genau deshalb können Produkte und schnelle Lösungen nur sehr bedingt helfen: Mit ihnen kommst du (scheinbar) ins Handeln, aber ohne die Reflexion, die eigentlich zuvor auch nötig ist. Und deshalb ist Selbstfürsorge auch kein Projekt in dem du einmalig „Maßnahmen“ festlegst und “Lösungen” findest, sondern ein fortlaufender Prozess.

Selbstfürsorge beginnt, wie beschrieben, mit Reflexion – und das geht manchmal einfacher, wenn man es nicht allein macht. Wenn du das Gefühl hast, dass du gerne mal mit jemandem deine Themen sortieren würdest und einen Blick von außen gebrauchen kannst, schreib mir eine Mail für ein unverbindliches Kennenlerngespräch. Wir schauen dann in Ruhe, ob und wie eine Zusammenarbeit für dich passen könnte.

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